Lk 9,10 Und als die Apostel zurückkehrten, erzählten sie ihm
alles, was sie getan hatten; und er nahm sie mit und zog sich abseits zurück
nach einer Stadt mit Namen Betsaida.
Lk 9,11 Als aber die Volksmengen es erfuhren, folgten sie ihm; und
er nahm sie auf und redete zu ihnen vom Reich Gottes, und die Heilung brauchten,
machte er gesund.
Lk 9,12 Der Tag aber begann sich zu neigen, und die Zwölf traten
herbei und sprachen zu ihm: Entlaß die Volksmenge, daß sie
in die Dörfer ringsum und auf die Höfe gehen und Herberge und
Speise finden! Denn hier sind wir an einem öden Ort.
Lk 9,13 Er aber sprach zu ihnen: Gebt {ihr} ihnen zu essen! Sie aber
sprachen: Wir haben nicht mehr als fünf Brote und zwei Fische - es
sei denn, daß wir hingingen und für dieses ganze Volk Speise
kauften.
Lk 9,14 Denn es waren etwa fünftausend Männer. Er sprach
aber zu seinen Jüngern: Laßt sie sich in Gruppen zu je fünfzig
lagern!
Lk 9,15 Und sie taten so und ließen alle sich lagern.
Lk 9,16 Er nahm aber die fünf Brote und die zwei Fische, blickte
auf zum Himmel und segnete sie; und er brach sie und gab sie den Jüngern,
damit sie der Volksmenge vorlegten.
Lk 9,17 Und sie aßen und wurden alle gesättigt; und es wurde
aufgehoben, was ihnen an Brocken übriggeblieben war, zwölf Handkörbe
<voll>.
Die Erfahrungen der Jünger nach ihrer Aussendung sprudeln nur so
aus ihnen heraus. Jesus nimmt sich Zeit für seine Jünger und
zieht sich mit ihnen zurück. Doch die Ruhe ist nicht von großer
Dauer. Die Menschenmassen strömen dorthin, wo Jesus und seine Jünger
sind.
Jesus nimmt sich auch dieser Menschen an, wie er es immer getan hat.
Doch als es Abend wird, machen sich die Jünger Sorgen um all die Menschen,
denn sie hatten keine Möglichkeit, sie zu versorgen.
Es gibt oftmals mehrere Ebenen, auf denen wir einen Text verstehen können.
Wenn man im alltäglichen Leben teilt und dann feststellt, daß
man keinen Mangel leidet, so ist der Bericht dessen erst einmal eine Zusammenstellung
von Fakten. Wir wären jedoch keine denkenden Menschen, wenn wir aus
Erfahrungen keine Lehren ziehen würden. Da aber Gott in dieser Welt
handelt, gibt es noch weitere Verständnisebenen. Warum läßt
mich Gott gerade jetzt das erleben? Was möchte er mir sagen?
Es kann sogar sein, daß das Erlebte ein prophetischer Vorgriff
Gottes für etwas noch viel Größeres ist, ein Gleichnis
für Menschen, die den Bericht hören und bereit sind, Gott zu
sich reden zu lassen. Und schließlich kann man auch erkennen, wie
Gott überhaupt zu uns redet.
All diese Ebenen können angesprochen werden und es ist fatal,
die eine gegen die andere auszuspielen. Das, was der eine erlebt hat, wird
in der richtigen Situation für den anderen zum Gleichnis, das ihm
hilft, etwas zu verstehen. In diesem Sinne hat der Bericht von der Speisung
der Fünftausend so viele Ebenen, daß sie sich dem Suchenden
und Fragendem immer neu erschließen.
Die Jünger fühlten sich für die Menschen verantwortlich.
Sie wollten nicht, daß sie hungern, weil sie über der Predigt
und den Heilungen von Jesus vergessen hatten, rechtzeitig etwas zu Essen
zu besorgen. Die Jünger übernehmen die Verantwortung für
fünftausend Männer, denen sie sehr wohl selbst die Verantwortung
hätten geben können. Sind sie nicht selbst Schuld, wenn sie bleiben
und sich nicht um eine Herberge und um Essen kümmern? Doch als sie
Jesus darauf ansprechen, bestätigt dieser nicht nur ihre Verantwortung,
er fordert sie sogar auf, ihnen Essen zu geben. Schnell werden Menschen,
die Verantwortung übernehmen, mit Worten wie: "Das ist doch nicht
dein Problem" beruhigt. Jesus dagegen gibt sich nicht damit ab, das Problem
als solches zu akzeptieren, er fordert die Jünger auf, es zu lösen.
Die Jünger sehen auf ihre Möglichkeiten. Auf der einen Seite
liegen fünf Brote und zwei Fische, auf der anderen fünftausend
Mann. Die Frage, ob sie für all die Leute einkaufen sollen, war wohl
auch nicht ernst gemeint. Die Aufforderung Jesu muß in den Ohren
der Jünger zynisch geklungen haben (vgl. Lk 5,20) und entsprechend fiel ihre Antwort
aus: "Na klar, kein Problem, wir kaufen mal eben für fünftausend
Mann (Frauen und Kinder nicht mitgerechnet) etwas zu Essen." - sie hätten
es ja nicht einmal transportieren können.
Jesus läßt unbeirrt die Menschen in Gruppen lagern. Allen
ernstes will er ihnen jetzt zu essen geben. Er segnet die Brote und Fische,
teilt sie aus und alle werden satt. Schließlich bleibt mehr Brot
übrig, als sie ausgeteilt hatten.
Ein Wunder? Viele Ausleger haben, wie überall anders in der Bibel
auch, entweder nach "natürlichen" Erklärungen gesucht, oder behauptet,
die Geschichte sei ein Gleichnis und habe "deshalb" niemals stattgefunden.
Lukas selbst macht jedoch immer sehr deutlich, wann eine Erzählung
historisch zu verstehen ist und wann nicht. Die Speisung der Fünftausend
gehört demnach eindeutig zu den Ereignissen "die sich unter uns zugetragen
haben" (Lk 1,1). Eine Erklärung, die für dieses Wunder oft herangezogen
wird, ist, daß die Menschen ihr Abendbrot dabei hatten und als sie
sahen, wie Jesus und seine Jünger ihre Brote und Fische teilten, diesem
Beispiel gefolgt sind. Gegen diese Deutung ist nichts einzuwenden (Was
nicht heißt, daß das wirklich die Erklärung ist!). Lukas
beschreibt wie gewöhnlich die Fakten: fünf Brote und zwei Fische
wurden von Jesus in die Menge gegeben, alle wurden satt und es kamen zwölf
Körbe voll Essen zurück. Lukas verliert sich nicht in Spekulationen.
Er dokumentiert, was beobachtet wurde - nicht weniger, aber auch nicht
mehr.
Nach einer ereignisreichen Zeit, aus der die Jünger viel zu erzählen
hatten, kehrten sie zu Jesus zurück. Der hörte sich alles in
Ruhe an, nahm sich Zeit für seine Jünger. Vieles hatten sie erlebt.
Sie hatten Menschen das Reich Gottes gepredigt und Kranke geheilt. Sie
hatten erlebt, daß Gott sie versorgt. Nun waren sie zurückgekehrt
und von nun an sollte wieder ihr Meister die Arbeit machen. Das war ihre
Sicht der Dinge. Doch die Jünger spürten weiterhin ihre Verantwortung
für die Menschen. Sie versuchten sie zwar auf Jesus abzuwälzen,
doch ohne Erfolg. So viele Erfahrungen aus der Aussendung, daß sie
Jesus erst einmal alles erzählen mußten. Trotzdem - kaum sind
sie wieder zurück, verhalten sie sich wie kleine Kinder. Jesus soll
das mal machen. "Fünf Brote und zwei Fische - das reicht gerade mal
für uns selbst."
Jesus gibt der Volksmasse zu essen. Doch die Verantwortung bleibt bei
den Jüngern. "Gebt {ihr} ihnen zu essen!", daß nimmt Jesus damit
nicht zurück. Die Jünger sind zurückgekehrt, aber die Erfahrung
die sie gemacht haben, soll ihr Leben bestimmen. Sie sind weiterhin für
die Menschen da und sie können im Vertrauen auf Gott für all
diese Menschen sorgen - sie satt machen. Dahinter brauchen und sollen sie
nicht mehr zurückfallen.
Warum war es für die Jünger wichtig, diese Erfahrung gerade
in dieser Phase zu machen? Wenige Verse weiter erklärt Jesus, daß
er verraten und ermordet werden wird. Auch wird er auferstehen, doch sein
Auftrag geht an die Jünger über. Eines Tages werden sie an seiner
Stelle stehen und den Menschen dienen. Jesus kam, um sich für die
Menschen zu opfern und sie mit Gott zu versöhnen. Sein Dienst als
Mensch am Menschen war ein Vorbild. Dieser Dienst wird die Aufgabe der
Jünger und aller, die ihm nachfolgen. Jesus bildet seine Jünger
als guter Rabbi aus, er bildet sie aus zur Liebe. Er lebt ihnen alles vor,
aber irgend wann müssen sie auch selbst Schritte gehen. Darum die
Aufforderung: "Gebt {ihr} ihnen zu essen!"
Die Jünger werden lernen, daß es um viel mehr geht, als
um körperliche Speise. Sie lernen, daß man Teilen kann, wenn
Gott gibt. Sie lernen, daß dort, wo der Segen Gottes unter den Menschen
ausgeteilt wird, er nicht weniger wird, sondern immer mehr. Sie lernen,
daß, wenn man bereit ist, seine Möglichkeiten Gott zur Verfügung
zu stellen, der damit Wunder vollbringt. Das ist der Segen, den Jesus über
der Speise ausspricht. Er stellt Gott das wenige zur Verfügung und
Gott speist damit alle.
Es ist eine der Arten, wie Gott neben der Bibel zu uns spricht. Er läßt
uns Erfahrungen machen, an die wir uns später erinnern. Als die Jünger
an Pfingsten den heiligen Geist empfingen und hinaus strömten, konnten
sie auf drei Jahre zurückblicken, in denen sie gelernt hatten, was
ihr Auftrag ist und wie man ihn ausführt. Sie konnten Menschen von
Jesus erzählen, ihnen mit dem, was ihr Leben bestimmte Mut machen
und sie einladen, mitzukommen. Auch die Bibel ist ja kein von Gott diktiertes
Buch, sondern entspringt aus den reichen Erfahrungen von Menschen mit Gott.
Gott kann und will auch heute noch unsere, wenn auch bescheidenen, Möglichkeiten
einsetzen um Menschen, die nach Brot, Liebe, Wahrheit oder Hoffnung hungern,
satt zu machen. Wie in der Geschichte ist oft nicht mehr nachvollziehbar,
ob Gott "selbst" das Wunder vollbrachte, oder ob er das Wunder an den Herzen
der Menschen vollbrachte, die dann teilten. Jesus möchte heute Dein
Leben segnen, und es Gott zur Verfügung stellen, damit der Hunger
gestillt wird. Diese Einladung gilt.
zur Andacht der letzten Woche
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