zu der Fragen

Kurzzeitkreationismus



"Experten widerspricht man nicht! Besser man wartet bis sie es selber tun."


Ich möchte das unter "Woher komme ich" begonnene Gedankenmodell etwas weiterspinnen und dabei auch auf den sog. Kurzzeitkreationismus eingehen, der besonders in den Vereinigten Staaten (Institute for Creation Research), aber auch in Deutschland (Wort und Wissen) einige Anhänger hat (einige bekanntere Vertreter wären z.B. W. Gitt, S. Scherer u.a.). Es ist eigentlich müßig, dieses evangelikale Modethema weiter auszulutschen, aber da beide Seiten oft über das Ziel hinausschießen, halte ich eine kritische Stellungnahme durchaus für angebracht.

Daß wissenschaftliche Aussagen über historische Verläufe den christlichen Glauben betreffen, wird spätestens dann deutlich, wenn die Auferstehung Christi oder gar die bloße historische Existenz des Menschen Jesu in Frage gestellt wird. Daß auch viele Aspekte der Evolutuion ethisch nicht mit Gott, wie er sich in Jesus offenbart, vereinbar sind, wird unter "Glaube contra Wissenschaft" diskutiert. Sogesehen ist die Beschäftigung mit diesen Themen durchaus nachvollziehbar (obwohl andere aktuelle Fragestellungen, wie die nach der biochemischen Abschaffung der menschlichen "Seele" besonders auch außerhalb einer evangelikalen Minderheit größere Relevanz haben - siehe auch unten unter "Menschenbild" [Problematik] oder bei John C. Eccles [Lösungsansatz]). Das Problem ist nur, daß sowohl von evolutionistischer, wie auch von kreationistischer Seite oft wichtige Kritikpunkte des jeweils anderen in den populärwissenschaftlichen Veröffentlichungen und Stellungnahmen zugunsten der eigenen Überzeugung weggelassen werden, und das vermittelt ja nun nicht gerade den Eindruck, als ob hier selbstkritisch nach Wahrheit gesucht wird.

Das prinzipielle Problem von Datierungen wurde wie gesagt unter "Woher komme ich" in Form einer erfundenen Szene im Anschluß an die Schöpfungsgeschichte dargestellt. Die Schöpfung einer Welt mit Vergangenheit ist nachvollziehbar und schlüssig. Sogesehen greifen "Gegenbeweise" von Seiten der Beführworter der Evolution schon im Ansatz ins Leere. Leider versuchen aber auch manche Kreationisten unter ihrer eigenen Annahme wissenschaftlich zu argumentieren, was ihre Annahme aber gerade ausschließt. Man gewinnt den Eindruck, daß Arbeitshypothesen vorausgesetzt oder ignoriert werden können, so, wie es einem gerade passt.
Wenn Gott eine Welt mit Vergangenheit schafft, deren historische Indizien widerspruchsfrei sind, dann führen diese Indizien eben wissenschaftlich eindeutig zu einem falschen Alter, und das richtige Weltalter ist dann wissenschaftlich nicht bestimmbar. Überspitzt formuliert: Gott hätte diese Welt vor zehn Sekunden erschaffen können, mit einem Menschen, der gerade im Internet surft, und er hätte diesen Menschen mit Erinnerungen an sein ganzes bisheriges Leben erschaffen können (diese Idee wird in dem Film "Bladerunner" aufgegriffen). Es gäbe dann grundsätzlich keine wissenschaftliche Methode, diese scheinbare Präexistenz zu widerlegen, wenn sie das ganze Universum betrifft. Um so unverständlicher ist nun aber, wenn manche Kurzzeitkreationisten versuchen, mit der Nickelkonzentration der Weltmeere oder der Staubhöhe auf dem Mond zu argumentieren, zumal diese Gegenindizien innerhalb des Evolutionsmodells schnell erklärt werden können (dynamisches Gleigewicht und erheblich niedrigere Rate an Meteoriten). Man kann natürlich auch annehmen, daß diese Welt nur zum Teil mit Vergangenheit geschaffen wurde, aber dann liegt eine widersprüchliche Indizienlage vor, aus der alles geschlossen werden kann (und falls dies der Fall ist offensichtlich auch wird).

Die Sichtweise des sog. Kurzzeitkreationismus basiert (wie auch großenteils das Evolutionsmodell) eben nicht auf wissenschaftlicher Erkenntnis, sondern ist meist selbst die Arbeitshypothese, aus der lediglich die Beschreibung abgeleitet werden kann. Zur Veranschaulichung sei hier ein Text zitiert, den Wissenschaftler billigend unterschreiben müssen, wenn sie in die Creation Research Society aufgenommen werden wollen:

1. Die Bibel ist das geschriebene Wort Gottes. Da wir an dieses als erleuchtete Offenbarung glauben, sind alle ihre Behauptungen historisch und wissenschaftlich wahr in allen ihren originalen Ausfertigungen. Für den Studenten der Natur bedeutet das, daß der Bericht der Ursprünge in der Genesis eine faktische Darstellung von schlichten historischen Wahrheiten ist.
2. Sämtliche Gruppen von Lebewesen, den Menschen eingeschlossen, wurden durch die schöpferischen Akte Gottes direkt in der Schöpfungswoche, wie in der Genesis beschrieben, geschaffen. Welche biologischen Veränderungen auch immer innerhalb der Schöpfung geschehen sein mögen, so fanden diese immer nur als Veränderungen innerhalb der ursprünglich geschaffenen Arten statt.
3. Die in der Genesis beschriebene große Flut, allgemein als Sintflut bekannt, war ein historisches Ereignis von weltweiter Ausdehnung und Wirkung.

Schließlich bleibt festzustellen, daß wir eine Organisation christlicher Menschen der Wissenschaft sind, die Jesus Christus als ihren Herrn und Retter akzeptieren. Die Behauptung der speziellen Schöpfung von Adam und Eva als Mann und Frau und von ihrem folgenden Sündenfall stellt die Basis für unseren Glauben an die Notwendigkeit eines Retters der Menschheit dar. Deshalb kann die Rettung allein durch das Annehmen Jesu Christi als unseren Erlöser erfolgen.
 
(Zitiert nach dem Urteil des United District Court, Eastern District of Arkansas, Western Division; Richter William R. Overton, 5. Januar 1982, aus Jeßberger 'Kreationismus', S. 28)

Damit ist alles gesagt. Es wäre der Diskussion um Schöpfung und Evolution sehr zuträglich, wenn die Grundannahmen der diskutierenden Parteien schon vor der Auseinandersetzung offen auf den Tisch gelegt würden (vgl. Hägele u.a.). Dem Institute for Creation Research muß zugutegehalten werden, daß sie ihre Grundannahmen wenigstens formulieren. Es wäre wünschenswert, wenn jeder Dozent im Rahmen der Ausbildung des wissenschaftlichen Nachwuchses seine Grundannahmen und Arbeitshypothesen offen legen würde. Viele hitzig gefürten Debatten würden sich als Gegenstandslos erweisen.

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