Lk 5,36 Er sagte aber auch ein Gleichnis zu ihnen: Niemand schneidet
einen Flicken von einem neuen Gewand und setzt ihn auf ein altes Gewand;
sonst wird er sowohl das neue zerschneiden, wie auch der Flicken von dem
neuen zum alten nicht passen wird.
Lk 5,37 Und niemand füllt neuen Wein in alte Schläuche; sonst
wird der neue Wein die Schläuche zerreißen, und er selbst wird
verschüttet werden, und die Schläuche werden verderben;
Lk 5,38 sondern neuen Wein füllt man in neue Schläuche.
Lk 5,39 Und niemand will, wenn er alten getrunken hat, neuen, denn
er spricht: Der alte ist milde.
Jesu Jünger werden kritisiert, weil Jesus und sie mit einem Zöllner
feiern anstatt, wie die Jünger des Johannes oder die der Pharisäer,
zu fasten. Die Pharisäer und Schriftgelehrten stoßen sich daran,
daß Jesus mit der Tradition bricht. Doch es gibt einen guten Grund
dafür: Der alte Bund Gottes mit seinem Volk Israel ist erfüllt,
Gott will den versprochenen neuen Bund (Jer 31,31ff) schließen. Dieser
neue Bund ist kein Flicken auf den Rissen des alten Bundes. Es geht auch
nicht darum, Teile aus Jesu Botschaft zu schneiden, um damit ein angeschlagenes
Judentum zu retten. Zudem würde sich diese Lehre nicht mit dem Judentum
vertragen. Manche Utopien einer Ökumene aus Christen und Juden (z.B.
Pinchas E. Lapide) versuchen, Jesu Botschaft auf einige Schnipsel zu reduzieren,
die dann trotzdem nicht zum Judentum passen.
Das, was äußerlich nicht in Einklang zu bringen ist, zerreißt
auch innerlich. Das Neue, das Jesus bringt, unterscheidet sich nicht nur
in einigen Fastenritualen und Bräuchen, einigen Umgangsformen und
Konventionen. Jesus bringt die Gnade, die Menschen freisetzt. Menschen,
die von Jesus befreit und in seinen Dienst berufen werden, passen nicht
mehr in das enge Korsett der jüdischen Tradition. Die Pharisäer
und Schriftgelehrten versuchen, Jesus und seine Jünger in dem alten
System zu halten, aber dieser Versuch kann nur dazu führen, daß
es das alte System zerreißt. Menschen, die Jesus erfahren haben,
unterscheiden sich nicht nur in ihrem äußerlich erkennbaren
Lebenswandel - sie sind erfüllt mit dem Geist Gottes und diese Kraft,
die alles erschaffen hat, wirkt in ihnen. Jede Norm, jeder Kultus, jede
Tradition, die dieser Kraft nicht nachgibt, zerreißt.
Viele Menschen, die mit einer Religion aufgewachsen sind, diese in
ihr Leben integriert haben und nun versuchen, nach bestem Wissen und Gewissen
als "guter Mensch" zu leben, sträuben sich gegen diesen "wilden, gärenden
Wein", den Jesus anbietet. Ein Leben mit Gott ist das, was auch die "christliche"
Religion als Ziel ausgeschrieben hat. Eigentlich müßten wir
begeistert sein von dem Angebot Jesu, dieses Ziel als Ausgangspunkt eines
neuen Lebens hier und jetzt zu bekommen. Doch wer das Alte kennt, sträubt
sich gegen das Neue: zu radikal, zu fundamentalistisch, zu extrem. Und
so bleiben sie lieber bei dem, was sie kennen: Gott - aber in Maßen.
Das ist milder und bekömmlicher.
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