Wer die Evangelien liest, dem wird sicher auffallen, daß Matthäus
und Lukas unterschiedliche Geschlechtsregister anführen.
Man könnte der Bibel an dieser Stelle einfach Ungenauigkeit unterstellen.
Matthäus und Lukas hätten demnach verschiedene Vorstellungen
von den "Vorfahren" Jesu gehabt. Es erstaunt dann jedoch, daß trotzdem
beide Evangelien von der Urgemeinde in dieser Form akzeptiert wurden.
Wie auch sonst öfter in der Bibel, kann aber gerade dieser scheinbare
Widerspruch eine Hilfe sein, tiefer über den Text nachzudenken. Manchmal
steckt hinter einem "Widerspruch" eine Botschaft, die wir, wäre der
Text einfacher geschrieben, gedankenlos überlesen hätten.
Jesus war, wie man meinte, ein Sohn Josefs. Der Evangelist zeigt (wie
auch schon oft vorher) deutlich, daß Josef nicht der leibliche Vater
von Jesus ist. Trotzdem liest sich die Ahnenreihe, die (anders als im Matthäusevangelium)
bis auf Adam zurückgeht, wie ein Beleg für das Menschsein von
Jesus. Die Ahnenreihe wirkt wie mit Gewalt noch in den Kontext gezwängt.
Das Evangelium würde sich harmonischer lesen, wenn diese Passage übersprungen
würde. Aber Lukas kann allen Anschein nach nicht auf sie verzichten.
Er unterbricht die Handlungsabfolge, um den "Stammbaum Jesu" einzufügen.
Aber warum? Wenn Jesus ohnehin nicht der Sohn Josefs ist, wie er extra
nochmal erwähnt, wen interessiert dann der Stammbaum Josefs? In dem
gesamten Lukasevangelium spielt Josef praktisch keine Rolle. Er wir sonst
nur (drei mal: 1,27;2,4;2,16) als der Verlobte Marias erwähnt. Warum
wird ihm also hier ein ganzer Stammbaum gewidmet?
Die für mich überzeugendste Erklärung ist, daß
dieser Stammbaum die Ahnenreihe von Maria wiedergibt. Maria mußte
trotz ihrer Schwangerschaft, was ungewöhnlich war, mit nach Betlehem
zur Volkszählung. Auch heiratete sie innerhalb ihres Stammes. Das
legt nahe, daß sie eine Erbtochter war (Normalerweise erbte der Sohn.
War kein männlicher Erbe vorhanden, erbte die Tochter: 4.Mo 27). Josef
mußte sich also auch in das Geschlecht ihres Vaters einschreiben
lassen und bekam so einen weiteren juristischen Vater (Neh 7,63; 1.Chr
2,21f vgl. 4.Mo 32,41). Somit wird auch deutlich, warum Lukas in der Ahnenreihe
nicht von Zeugung, sondern von Sohnschaft redet.
Man könnte sich fragen, warum die Ahnenreihe Jesu nicht mit seiner
Mutter Maria fortgesetzt wird? Dann könnte das Mißverständnis
gar nicht erst aufkommen? Eine ganz banale Antwort wäre: Es war nicht
üblich . In jüdischer Tradition verstand man Frauen als "Blumentöpfchen",
in dem der männliche Same heranwächst. Das wird deutlich, wenn
man die Ahnenreihen im alten Testament betrachtet. Matthäus bildet
in dieser Tradition eine Ausnahme.
So unverständlich der biologische Stammbaum Josefs wäre,
so naheliegend ist die Bedeutung des Stammbaums von Maria. Jesus, ihr leiblicher
Sohn, steht durch Maria in königlichem Erbe. Dieses Erbe wäre
ihm über Josef nicht zuteil geworden, da die Linie Josefs (Mt 1,1ff)
über Konja (Jojachin) führt (Jer 22,30). Jesus, der Löwe
aus dem Stamm Juda (1.Mo 49; Off 5,5), war also durch Maria ganz und gar
Mensch (ein Nachkomme Adams) und durch den heiligen Geist ganz und gar
Gott (Lk 1,35).
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